01 aktionskritzel 1

 

Junge, 6 Jahre

Der Kampf der Ritter

Der Junge wurde zu dieser Zeichnung nach Auskunft der Erzieherin von der Ritterburg in der Kindertagesstätte angeregt. Die Ritter werden in voller Aktion gezeigt, deren Dramatik dadurch gesteigert wird, dass jeder der beiden Kon-trahenten mit sechs Armen kämpft.

 

01 aktionskritzel 2

 

Sie sind wild entschlossen, sich nicht nur erfolgreich zu wehren, sondern den Gegner zu vernichten, was durch die dolchförmigen Spitz-, Raub- und Fang-zähne veranschaulicht wird.
Beide sind mit denselben Waffen ausgestattet: mit Pfeil und Bogen, Schwert, Dolch, Pistole mit fliegenden Kugeln, einer Bombe mit brennender Lunte und einem Schild. Die Arme beider Figuren werden zunächst als einfache Striche gezeichnet. Erst im Nachhinein hat der Junge die Ritter mit den Waffen ausge-stattet, d. h. diese mit kurzen Strichen oder Bögen an den Arm-Strichen verbunden.

 

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Ritter links und Mitte: Arm und Waffe (Pfeil und Bogen) werden zuerst völlig voneinander getrennt gezeichnet. Dann wird die Verbindung mit einem hakenförmigen Bogenstrich hergestellt in der Funktion einer den Pfeil, bzw. die Sehne haltenden Hand. Ritter rechts: Der Arm reicht mit einem langen Strich ohne jede Unterbrechung bis zum Bogen. Der Pfeil ist ge-rade abgeschossen worden.

 

01 aktionskritzel 4

Ritter auf der rechten Seite: Armstrich wird über einem kurzen Bogen mit dem Schwert verbunden. Der Arm wird nach einer kurzen Lücke über einen Strich mit dem roten Dolch fortgesetzt.

 

01 aktionskritzel 5

Um die Vorstellung vom Rückwärts-Stürzen etwas zu erleichtern, wurde die Zeichnung des Gesichtes gelöscht.

 

Der Ausgang des Kampfes ist für beide Parteien unter dem Gesichtspunkt der Waffengleichheit völlig offen. Doch die Niederlage ist für den Ritter auf der lin-ken Seite bereits besiegelt. Während sein Gegner in aufrechter Haltung den Eindruck von Standhaftigkeit vermittelt, beugt er sich im Ausweichen, wahr-scheinlich aber bereits im Sturz nach hinten. Die Anschaulichkeit eines stürzenden Körpers wird insofern beeinträchtig angesichts der Tatsache, dass die bei-den Ritter in völliger Vorderansicht wiedergegeben sind, obwohl vom Zeichner die Seitenansicht gemeint ist. Doch nur wenige Kinder beherrschen mit sechs Jahre die Fähigkeit, das menschliche Gesicht im Profil darzustellen. Das als En Face wiedergegebene Gesicht ist jedoch bei diesem Bildbeispiel als Profil gemeint. In der Fachliteratur steht für dieses Phänomen der Begriff des „Situationsprofil“, d. h. die Situation legt zwingend nahe, dass die Handelnden in der Seitenansicht dargestellt sein sollen.
Neben den unterschiedlichen Haltungen der Ritter verweisen noch andere Momente auf den Ausgang des Kampfes. So ist das Schwert des unterlegenen Kämpfers wesentlich größer, entspricht sogar dessen Körpergröße, besitzt jedoch nicht im Geringsten einen bedrohlichen Charakter. Im Gegenteil vermittelt es eher den Eindruck eines Schildes, hinter dem die Waffen lediglich aufgezeigt sind, ohne jedoch wie beim Gegner energisch und vehement geführt werden zu können.
Die fatale Situation für den Verlierer wird anhand von Pfeil und Bogen in klarer Eindeutigkeit veranschaulicht. Rechts ist der Pfeil gerade auf den Gegner abgeschossen worden, während auf der Gegenseite diese Waffe überhaupt nicht zum Einsatz kommt. Außerdem zielt der Pfeile auf der Sehne vom eigentlichen Kampfgeschehen weg über den Blattrand hinaus und demnach in die falsche Richtung. Das bedeutet: eine Gegenwehr ist aufgegeben, der Kampf ist bereits verloren. Dieser Eindruck wird zusätzlich durch die kompositorische Anordnung der beiden Waffen auf derselben horizontalen Linie unterhalb der Mittelachse verstärkt. Man kann durchaus formulieren, dass schon allein dieser formale Bezug in symbolischer Weise das Geschehen widerspiegelt.
Ebenfalls ein Indiz für die Situation des Kampfgeschehens ist der geringere Raum, den der unterlegene Ritter im Blattformat einnimmt.

Wie sind eigentlich die vielen Arme der Ritter zu verstehen? Der Kampf ist bereits in der Endphase. Das bedeutet, dass inzwischen alle Waffen, die abgebildet sind, nacheinander zum Einsatz gekommen sind. Das heißt, dass alle Kampfsituationen in einer Darstellung zusammen gefasst sind. Anders formuliert Der Ort ist derselbe bei zeitlich unterschiedlichen Vorgängen. Für eine solche Darstellung verwendet Günther Mühle den kunstwissenschaftlichen Begriff der Simultandarstellung, bzw. des Simultanbildes. Günther Mühle, 1975, Seite 104

 

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Kieran, 6, 11 Jahre: Fußballspiel Deutschland gegen Brasilien

 

Zum Vergleich soll die Zeichnung „Fußballspiel“ von Kieran heran gezogen werden. Auch hier sind zwei Figuren in der Vorderansicht als Situationsprofil wiedergegeben. in drei Phasen wird die Bewegung der im Jubel hoch geho-benen Arme veranschaulicht. Dasselbe gilt für die Flugbahn des Fußballs, die in sechs Phasen der Bewegung gegliedert ist.

 

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Kieran, 6, 11 Jahre: Fußballspiel Deutschland gegen Brasilien

 

Der Junge von 3; 2 Jahren zeichnet die Katze mit neun Beinen. Wie bei den Bildbeispielen der kämpfenden Ritter und des Fußballspiel kann es sich hier ebenfalls um ein Simultanbild handeln. Jedoch ist diese Zuweisung letztendlich vom Kontext der gesamten Bildaussage abhängig. Da in dem vorliegenden Beispiel keine weiteren Bildinformationen vorliegen, möchte der kleine Zeichner die Schnelligkeit und die Fähigkeit des Tieres zeigen, selbst von großer Höhe immer auf die Beine zu fallen. Es handelt sich also in diesem Beispiel um die bildhafte Übersteigerung von bestimmten Fähigkeiten oder Eigentümlichkeiten.

Eberhard Brügel Oktober 2019