Kleid

Mädchen 3;5 Jahre: „Ein Kleid zum Anziehen“

Die schwangere Mutter im Umstandskleid

Das Mädchen zieht zunächst einmal einen Strich mit Ein- und Ausbuchtungen, den es an der linken Seite zu der Grundform der Zeichnung schließt. Der Ausgangspunkt und die Stelle der Schließung sind links an einem Punkt im Strich zu erkennen. Danach zeichnet es ein Gesicht, einen Bauchnabel und ein Kind in diese Form. Den unteren Saum des Kleides schmückt das Mädchen mit kleinen Kreisen, die es als Rüschen bezeichnet. Eine Hand wird rechts auf eine ausgreifende Bogenlinie der großen Grundform anstelle eines Armes gezeichnet. Links ersetzt dagegen ein Kritzelzeichen die Hand. Jetzt kommentiert das Mädchen: „Ein Kleid zum Anziehen“. Diesen Kommentar schreibt es in der Annäherungsform von Buchstaben auf die Fläche unterhalb des Saumes.

Daraufhin greift das Mädchen zur Schere und schneidet die Zeichnung so aus, dass die Beine, die bislang nicht gezeichnet waren, sozusagen als Scherenschnitt dem Kleid zugefügt werden. Dabei gehen ein Teil des Rüschensaums und der Text unterhalb des Kleides verloren. Die Rüschen ersetzt die kleine Zeichnerin mit Einschnitten. Die Schere hält sie ja ohnehin noch in der Hand. Den inzwischen verlorenen schriftlichen Kommentar wiederholt das Mädchen im Kleid.

Bei der Frau handelt es sich um die schwangere Mutter. Zum Zeitpunkt der Zeichnung lag die Schwangerschaft bereits drei Monaten zurück. Das Kind im Leib befindet sich auf der Zeichnung direkt neben dem Bauchnabel. Das Kritzelzeichen, das die Hand links ersetzt, bedeutet in seiner Funktion als Aktionskritzel das Anziehen des Kleides, wie der von der Zeichnerin mitgeteilte Titel belegt. Gemeint ist also das Umstandskleid der Mutter, das jedoch keine Rüschen besaß. Dies trifft jedoch für das Kleid zu, welches das Mädchen während des Zeichnens getragen hat.
Ein anderer Aspekt soll noch erwähnt werden, obwohl ein Einfluss auf die Zeichnung nicht nachgewiesen werden kann. Ebenfalls vor kurzer Zeit hatte der Vater ein antikes Papierpuppentheater erworben. Deren Figuren konnten mit unterschiedlicher Kleidung, die über die Schultern gehängt wurden, ausgestattet werden.

Eberhard Brügel Juni 2019