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Abb. 1) Junge 4;6 Jahre: Achterbahn

Unterschiedliche Bahnen und Strecken

Frühjahrs- und Herbstmesse stellen Höhepunkte für den kleinen Zeichner der Achterbahn dar. Da sich der Messeplatz in unmittelbarer Nähe des Kindergartens und der Wohnung befindet, nutzt er jede nur denkbare Gelegenheit zu einem Besuch. So versetzt er einmal, heimlich davon geschlichen, das gesamte Personal des Kindergartens in helle Aufregung, als er beim Aufbau der Achterbahn zuschauen will.
Von den vielen unterschiedlichen Fahrgeräten übt die Achterbahn eine besondere Anziehungskraft aus. Dabei fasziniert den Jungen eine seltsame Mischung von Begeisterung und Angst, Begeisterung über die rasante Geschwindigkeit und Angst vor einer Katastrophe. Denn er hatte in den Nachrichten von einem Unfall gehört. Eine Gondel eines der modernen Karussells hatte sich von ihrem Träger gelöst und war in eine Gruppe Zuschauer gestürzt. Immer wieder äußert der Junge die Befürchtung, dass auch bei der Achterbahn ein Wagen aus den Geleisen kippen könne. An einem Wagen der kurz haltenden Achterbahnzüge erklärt ihm daraufhin der Vater deren Sicherheitssystem. Er zeigt auf die Räder, die wie bei allen Zügen und Schienenfahrzeugen senkrecht auf dem Geleis stehen, bzw. rollen. Unterhalb dieser Räder sind an den Achterbahnwagen seitlich noch zusätzlich Räder angebracht, die an den Seitenwangen der Schienen mitrollen und somit die Fahrt des Zuges stabilisieren. Drückt die Zentrifugalkraft den Wagen in einer Rechtskurve nach links, so verhindern die Räder an der rechten Seite ein Umkippen und umgekehrt. Solchermaßen überzeugt schaut der Junge daraufhin noch längere Zeit mit nun ungetrübter Begeisterung dem Auf und Ab der rasenden Züge zu.

 

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Abb. 2) Lilli, 5;2 Jahre: Der Weg zur Oma

 

Um die Besonderheit der Achterbahnzeichnung nachweisen zu können, wird zunächst der Blick auf die anderen Bildbeispiele gelenkt.
Die Erzieherin berichtet über Lilis Zeichnung (Abb. 2): „Auf dem Tisch liegt ein Stadtplan. Lili schaut sich den an und zeichnet dann den Weg zu ihrer Oma." Lili zeichnet also, durch den Stadtplan angeregt, ebenfalls ein Straßennetz, wobei der rote, stark geschwungene Weg zu der Straße führt, an dessen Ende sich das Haus der Oma befindet: roter Fleck rechts oben. Wir haben es hier mit dem Sonderfall des Landkartenbildes zu tun (Raumdarstellung/Landkartenbild).

 

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Abb. 3) Bommi, 5 Jahre:                                      Abb. 4) Benedict, 4;3 Jahre:                                       Abb. 5) Patrick, 4 Jahre:
Dampflok (Ausschnitt)                                        "Papas Zug" (Ausschnitt)                                            Dampflok (Ausschnitt)

 

Die drei Abbildungen der Eisenbahnloks belegen die bei Kindern gewöhnliche Zuordnung einer Lok zum Geleis. Auf der Zeichnung von Abb. 3 stehen die Räder auf der unteren Schiene, während sie bei Abb. 4 auf der oberen Schiene und bei Abb. 5 zwischen den Schienen angebracht sind.
Bei der Zeichnung der Achterbahn befinden sich die Räder an beiden Schienen und zwar an den Außenseiten, so dass die Funktion des Haltens bzw. der Stabilisierung des Wagens in einer überzeugenden Klarheit veranschaulicht wird. Kennzeichnet auf der Zeichnung von Benedict (Abb. 4) das Aktionskritzel (>Kritzelfunktionen) jeweils die Funktion der Räder und des Stromabnehmers, befindet sich dieses bei der Achterbahnzeichnung zwischen den Rädern und steht für die enorme Schnelligkeit der Fahrt. Das heißt: die Leitqualität des Erlebens (>Leitqualität) blendet das Interesse an der Darstellung eines Wagens völlig aus und bestimmt auch die zeichnerische Wiedergabe der Achterbahn. Diese zeigt lediglich die Gesamtstrecke des Geleises mit ihren Steigungen und Gefällen. Alles Andere, das noch zu dem Fahrbetrieb einer Achterbahn gehört wie das Gerüst, ist also ebenfalls ausgeblendet.
Der Wagen befindet sich genau an Stelle, wo er nach einer steilen Abwärtsfahrt mit Schwung zur Aufwärtsfahrt ansetzt. Wie wichtig dem Jungen das Motiv der rasanten Fahrt ist, wird außerdem daran ersichtlich, wo der Junge den Wagen auf dem Zeichenblatt platziert. Es ist exakt die geometrische Mitte des Formats.
Während die Straßen auf der Zeichnung von Lili (Abb. 2) eben verlaufen, d. h. das Blattformat als die gesamte Standfläche fungiert, gibt es in der Achterbahnzeichnung ein klares Unten und Oben. Hätte der Junge das Gerüst eingezeichnet, würde es auf dem unteren Blattrand stehen. Sollte daran noch der geringste Zweifel bestehen, so widerlegt die Sonne in der rechten oberen Blattecke jeden Einwand. Denn auf einem Landkarten Bild wie jenes von Lili (Abb.2) tauchen Himmel und Sonne nicht auf.

Anmerkung zu Abb.4: Wer sich auch nur wenig auf dem Gebiet der Kinderzeichnung auskennt, wird erstaunt sein über die Darstellung des Lokführers. Die Erklärung ist einfach. Hier hat der 4; 3 Jahre alte Benedict seine ältere Schwester gebeten, für ihn den Lokführer zu zeichnen.

Eberhard Brügel, 2014