geisterbahn 02

Anne 4;5 Jahre

Anne fährt mit ihrer älteren Schwester in der Geisterbahn

Wie in diesem Alter für die Darstellung von Häusern und Räumen üblich, steht in der Zeichnung von Anne der Kreis für das Zelt bzw. die Halle einer Geisterbahn. Außerhalb des Kreises überragen zwei Geistergestalten die Szene. Dabei handelt es sich um jene Figuren, die in der Regel an der Außenfassade angebracht, deren gesamte Höhe einnehmen, um die Messebesucher zu einer Fahrt zu ermuntern. Ihre Körper sind in der Zeichnung nicht wie in der Realität nach außen orientiert, sondern neigen sich mit bedrohlichem Ausdruck Ihrer gefletschten Zähne über den Innenraum der Geisterbahn.
Der Wagen, in dem Anne und ihre ältere Schwester sitzen, befindet sich exakt in der Mitte des Kreises. Sie sind im übertragenen Sinn sozusagen der Mittelpunkt des Geschehens. Über ihnen in der Zeichnung befindet sich eine kleine Geisterfigur. Da Kinder in diesem Alter Figuren nicht in der Rückansicht zeichnen, stellt Anne dar, wie sie und ihre Schwester diese Figur anschauen. Die Augen der beiden Mädchen sind weit geöffnet. Sie nehmen weit mehr als die Hälfte der gesamten Kreisfläche des Gesichts in Anspruch. Der Mund der Mädchen ist mit einem Strich gezeichnet. Er ist demnach im Gegensatz zu den Geisterfiguren geschlossen.
Seltsam erscheinen die beiden Striche, die vom Mund der rechten großen Figur über den Kreisrand hinweg in den Innenraum der Geisterbahn reichen. Es handelt sich dabei um ein Lautzeichen. Bekanntlich brüllen diese Fassadenfiguren in den gässlichsten Lauten über den Messeplatz. Bei Annes Zeichnung dringt der Lärm bis in die Geisterbahn hinein.

 

geisterbahn 01

Auch die kleine Figur in der Geisterbahn ist mit offenem Mund dargestellt, aus dem mehrere Striche über die Kreisform des Gesichts hinaus gezogen sind. Der linke feiner gezogene Strich mit Andeutung eines Fußes könnte als Bein eines Kopffüßlers gedeutet werden. Die übrigen fester gesetzten Striche meinen jedoch in eindeutiger Weise Lautzeichen. Bei allem inhaltlichen Vorbehalte dominiert die Zeichnung des Kopfs, so dass sich damit eher der Eindruck eines Totenkopfes als der einer Figur vermittelt.
Ein kleinerer Wagen befindet sich auch noch in der Geisterbahn. Deren Insassen sind überhaupt nicht genauer gekennzeichnet. Damit soll lediglich darauf hingewiesen werden, dass gleichzeitig mehrere Wagen in einer Geisterbahn fahren.
Nach der Fertigstellung der Zeichnung zeigt Anne auf die linke Figur im Wagen und kommentiert: „Anne weint vor Angst“. Es ist demnach der emotionale Anlass, d. h. die Angst, die zur Darstellung der Geisterbahn motivierte. Übrigens ist Anne damals nicht mit der Geisterbahn gefahren. Die Gespräche und Berichte der etwas älteren Freundinnen und Geschwister vermittelten eine genügend plastische Vorstellung als Voraussetzung für eine Zeichnung, mit der sich Anne ihrer Angst gestellt hat.
Erst sechs Jahre später ist Anne zum ersten Mal mit der Geisterbahn gefahren, mit dem Erfolg, dass sie sich maßlos über den „Kokolores“ enttäuscht zeigte.

Eberhard Brügel Juli 2019