Fantasiegeschichten

Kieran, 7; 1 Jahre: „Ein freundliches 10-beiniges Wesen mit Fell in seiner Höhle“


„Ein freundliches 10-beiniges Wesen mit Fell in seiner Höhle"

Erzählungen, Hörspiele, Bücher, Comic-Hefte, Filme usw. können die Kinder zum Zeichnen anregen. Die solchermaßen entstandenen gezeichneten, gemalten oder geformten Figuren sind relativ einfach zu erkennen.
Oft handelt es sich um die Hauptpersonen wie Pippi Langstrumpf mit ihren Freunden, um Peter Pan oder um die Fernsehgestalt das Brot. Vor allem bei Jungen sind Themen aus dem Fantasy-Bereich besonders beliebt wie Ritterkämpfe, Hobbit, star wars, usw. Auf Mädchen und Jungen gleichermaßen üben Drachen, Dinosaurier und Monster eine große Faszination aus. Daneben entstehen Fantasiegeschichten, die sich die Kinder selbst ausdenken. Das trifft auch für die Zeichnung „Ein freundliches 10-beiniges Wesen mit Fell in seiner Höhle" zu.
Kieran beginnt seine Zeichnung mit der Höhle, die auf dem unteren Blattrand steht. Diese wird, was ursprünglich nicht beabsichtigt ist, noch mit zwei anderen Räumen sozusagen aufgestockt.
Es ist durchaus denkbar, dass sich die einzelnen Höhlenräume nach dem Prinzip des Standflächenbildes nebeneinander auf einer Ebene befinden. (>Raumdarstellung: Standflächenbild). Dieser möglichen Ansicht widerspricht Kieran jedoch. Die Bodenklappe und der Pfeil unten rechts im mittleren Höhlengeschoss bestätigen als Hinweis auf eine Verbindung von Unten und Oben die Erklärung von Kieran.
In der unteren Höhle hält sich das freundliche Wesen auf. Im Vergleich mit seinem Hals und Kopf erscheint der Körper winzig klein. An ihm sind fünf der zehn Beine, die von einer der Seitenansichten zu sehen sind, dargestellt. Der Raum wird wie auch die beiden oberen von einer Lampe erleuchtet. An der rechten Wand befindet sich ein Licht- Kippschalter.
Schildmütze und Hose des freundlichen Wesens liegen ohne erkennbare Zuordnung im Raum. Es handelt sich hier also um die Kombination von Standstreifen- und Standflächenbild.
Wieso die Zeichnung der Hose nur zwei Beine hat, obwohl eigentlich zehn erforderlich wären, liegt in dem Phänomen des automatischen Schemas begründet. So greift Kieran auf das feststehende Zeichen 'Hose' sozusagen automatisch zurück, ohne die zehn Beine im Geringsten zu berücksichtigen. (>Schema, Schemazeichen)
Der mittlere Raum ist die Vorratskammer. Sie ist gefüllt mit Äpfeln, Trauben, Karotten, Broten, Würsten und Käse. Sie füllen den Boden völlig aus. Abgesehen von der Lampe handelt es sich hier um ein Standflächenbild.
Die oberste Höhle mit dem Strohlager ist der Wohnbereich des Teddybärs. „Der Teddybär. Er lebt", erklärt Kieran. Er ist also kein Kuscheltier, sondern ein lebendiges Wesen, „der Freund des freundlichen Tiers". Vor Freude strecke dieser seine beiden Arme hoch. Beim ersten Blick auf die Zeichnung von Kieran erweckt übrigens der Teddybär mit den ausgebreiteten Armen den Eindruck eines Bergsteigers, der eben den Gipfel erreicht hat.
Der Teddybär steht in der Art des Streifenbildes aufrecht auf seinem Strohlager. (>Raumdarstellung: Streifenbild)
Die Zeichnung lädt zu Interpretationen geradezu ein. Die Informationen von Kieran lassen jedoch nur eine allgemeine Deutung als Freundschaftsbild zu. Darüber, wer mit den einzelnen Figuren eigentlich gemeint ist, lässt sich nur spekulieren. Dagegen ist der bildnerische Einfluss offensichtlich. Kierans Mutter berichtet, wie begeistert Kieran von dem Brettspiel ‚Das große Maulwurfrennen" ist. Kieran sieht sich daraufhin veranlasst, dieses Spiel zu holen und die einzelnen Stationen zu erklären. Die Thematik ist völlig anders. Ebenso wenig tauchen Figuren auf, die mit dem freundlichen Tier oder dem Teddybär auch nur die geringste Ähnlichkeit aufweisen. Übereinstimmungen finden sich jedoch in einzelnen Raumzonen des Höhlensystems, die untere Bereiche mit oberen verbinden. Außerdem erinnert das Vorratslager einer Maus, die sich im Gangsystem eingenistet hat, an die mittlere Höhle in Kierans Zeichnung.
Auf die Frage, ob er beim Zeichnen an das Brettspiel gedacht habe, weist Kieran entschieden zurück. „Das ist doch unter der Erde. Meine Höhle ist über der Erde in einem Felsen."

Eberhard Brügel, 2014