Emotionaler Anlass Walfang 01

Mädchen, 6; 2 Jahre: "Schlachtschiff, da wird ein Wal geschlachtet"; Breite der Bleistiftzeichnung 19, 8 cm

Das Walfangschiff wird zum „Schlachtschiff“ oder wie ein Mädchen einen Fernsehfilm psychisch verarbeitet

Einige Tage nach dem Fernsehbericht über einen Walfang entsteht die Zeichnung. Das Hauptaugenmerk der kleinen Zeichnerin gilt dem Einholen und Zerlegen des Walkörpers. Dies alles geschieht auf dem Deck, das sich mit einer zarten, hellgrauen Linie nur ganz knapp über der Wasseroberfläche befindet, die ihrerseits mit einem breiteren und dunkleren Strich dargestellt ist.
Oder anders formuliert: Das filmische Erlebnis von Fang und Schlachten des Wals beeindruckt das Mädchen in einer solchen Intensität, dass es das Deck quasi zu einer Bühne für ein Schauspiel, in vorliegendem Fall für ein Drama macht, dem der Betrachter wie in einem Theater zuschauen kann. Der Dominanz des Geschehens auf dem Deck wird alles Andere untergeordnet, d. h. alles, was vom eigentlichen Motiv ablenken könnte, wird entweder ausgesprochen klein wiedergegeben oder ganz ausgeblendet (Leitqualitaet des Erlebens). So steht in der Mitte des Decks stellvertretend für die Aufbauten des Schiffes lediglich eine kleine, dem Quadrat angenäherte Form mit der Binnenzeichnung einer Türe. Rauchende Schiffsschlote deuten die Größe des Walfangschiffs an. Die Form des Rumpfes fehlt völlig, obwohl Kinder diese ein Schiff vor allem kennzeichnende Form nahezu immer darstellen, mit dieser sogar in der Regel beginnen.

Emotionaler Anlass Walfang 02

Das im Film gezeigte Harpunieren ist dem Mädchen bis dahin völlig unbekannt. Trotz der exakten filmischen Aufnahme erfasst es dieses Fangprinzip nicht. Deshalb bestimmt die dem Mädchen bekannte Fangmethode mit der Angel die Zeichnung. Da es sich um den größten Fisch im Meer handelt, wird der Angelhaken nicht nur ungewöhnlich groß dargestellt, sondern auch mit einem kräftigeren Strich gezeichnet. Da dem Mädchen ebenfalls der Begriff der Seilwinde unbekannt ist, nennt es deren Darstellung links einen "Kran". Das Prinzip der Winde hat es jedoch erfasst, auch wenn sich dies erst bei einem zweiten Blick erschließt. Die kreisförmige Seilwinde befindet sich auf dem Deck. Von ihr aus verläuft ein dickes Tau senkrecht nach oben. Mit dem kleinen schrägen Strich ist die Halterung gemeint, mit der die Schwanzflosse an dem Tau fest gemacht ist. Den "Kran" zeichnet das Mädchen wegen des enormen Gewichts des Wals ebenfalls mit breiten Strichen. Darüber, ob Platzmangel oder die Vorstellung von einem Kran den senkrechten Strich des Taus begründet haben, lässt sich nur spekulieren.
Den Wal zeichnet das Mädchen in einer differenzierten, unabgesetzten Konturlinie. Dies setzt ein bereits erworbenes, beliebig verfügbares Zeichen für Fisch voraus. Mit dem waagrechten Strich auf dem Körper zeigt das Mädchen, dass der Wal bereits aufgeschnitten ist. Dieser Schnitt wurde mit einem Schneidegerät gemacht, das als doppelt gezeichneter Strich mit Schlaufe links auf dem Rücken des Wals steht. In der Mitte des Rückens befindet sich eine Rückenflosse. Zur rechten Form auf dem Rücken äußert sich das Mädchen nicht. Ob diese ein vom Wal ausgeblasener Wasser-Luft-Strahl sein soll, bleibt somit nur eine Vermutung. Auch die Schraffur im Maul des Wals wird nicht kommentiert. Sind es die Barten oder ausströmendes Blut des stark verletzten Tieres?
Die Bezeichnung "Schlachtschiff" klingt für Erwachsene wegen seines überraschenden Bedeutungswandels amüsant. Das gilt jedoch nicht für die Emotionen des Mädchens, das den Vorgang als ausgesprochen schrecklich und traurig empfindet. Schauen wir nochmals auf die Zeichnung! In drei besonders akzentuierten Phasen, d. h. mit breiten, verdoppelten dunklen Strichen wird das grausame Tun geschildert: der Angelhaken; das Fangen des Wals - der Kran; der Wal wird auf das Deck geholt; - das maschinelle Schneidegerät; das Zerlegen des Wals beginnt (emotionaler Anlass).
Intensive emotionale Erlebnisse können erst nach einer zeitlichen Distanz bildnerisch dokumentiert werden.
Denn um diese bildnerisch gestalten zu können, bedarf es eines zeitlichen Abstands. Unmittelbar danach sind die Kinder noch derart von ihren Gefühlen erfüllt, dass sie dazu nicht in der Lage sind. Erst eine zeitliche Distanz schafft eine Situation, das Erlebte bewusst als Erfahrung wahrzunehmen. Der betreffende Zeitraum kann von einer relativ kurzen Dauer sein, eine Stunde oder ein Tag. Bei gravierenden Erlebnissen können durchaus Monate vergehen. Auch ein Gespräch unmittelbar nach dem betreffenden Ereignis gibt den Kindern die Möglichkeit, über ihre Gefühle, seien sie positiver oder negativer Art, zu sprechen und sich auf diese Art mit diesen auseinanderzusetzen.

Eberhard Brügel, 2015