Orthoskopische Darstellung Flügel

Junge, 8; 7 Jahre: Pianistin am Flügel

Die Frau am Flügel

Die Zeichnung entsteht nach einem Konzert in der Jugendmusikschule, bei der eine Pianistin die musizierenden Kinder auf dem Flügel begleitet. Der Junge zeichnet zuerst den Flügel, da dieser sein Interesse vor allem deshalb geweckt hat, weil er dieses Instrument bislang nur geschlossen gesehen und vor dem Konzert erlebt hat, wie der Flügeldeckel aufgeklappt wurde.
Er beginnt also mit dem Umriss des Resonanzbodens, den er nach links mit der Tastatur abschließt. Daraufhin befasst er sich mit der Darstellung der Saiten. Links sind diese verzwirbelt, rechts werden sie von kleinen runden Scheibchen gehalten. Daran wird deutlich, wie genau der Junge das Saiten-System studiert hat. Die beiden Striche, die senkrecht bzw. schräg über den Resonanzboden verlaufen, sollen das Stützgestänge des Deckels darstellen, das der Junge im Resonanzboden liegen sah, als der Deckel aufgeklappt wurde. Schließlich erhält der Resonanzboden seine seitliche Verkleidung, indem um den ersten Kontur ein zweiter gezeichnet und der so entstandene Zwischenraum zugekritzelt wird. Schließlich ergänzt der Junge die Darstellung des Flügels mit zwei Füßen, dem Pedal und dem aufgeklappten Deckels des Flügels.
Erst jetzt wird die Pianistin an den Flügel gesetzt. Ihre Beine bzw. ihr langes Kleid werden zugestrichen, so dass des Flügelbein und das Pedal kaum noch zu erkennen sind. Übrigens beherrscht der Junge das Zeichen einer sitzenden Frau bereits über einen längeren Zeitraum, so dass eine besondere Konzentration, wie sie bei der Zeichnung des Flügels unerlässlich war, hierbei nicht mehr erforderlich ist.
Drei Phänomene sind in dem Bildbeispiel nachzuweisen:
- der Sachanlass (Motivation)
- die eindeutige, signifikante Ansicht (orthoskopische Darstellung)
- die Profilwende
Kinder zeichnen meist aus einem bestimmten Anlass. Bei dem vorliegenden Beispiel ist es das sachliche Interesse an dem System der Saitenbefestigung, weswegen allem Anderen nicht dieselbe Aufmerksamkeit gewidmet wird. Das ist recht gut an der vergleichsweise nachlässigen Zeichnung der Beine und des aufgeklappten Deckel des Flügels zu erkennen. Weiterhin kümmert sich der Junge überhaupt nicht darum, Stütze und aufgeklappten Deckel in einem funktionalen Zusammenhang darzustellen.
Kinder zeichnen das, was sie wissen, was sie gerade erkannt haben oder während des Zeichnens entdecken. Es ist ein rationales, analytisches Denken, das hier zur Geltung kommt. Mit den Worten von Rudolph Seitz bedeutet dies: „Darstellen heißt klarstellen.“
(Literaturhinweis zu den Anlässen: Johann Denker: Kunstunterricht in der Grundschule. Verlag Isensee, Oldenburg 1969, Seite 21 ff.)
Kinder stellen Figuren und Gegenstände, bzw. deren einzelne Bestandteile in der Regel in ihrer eindeutig wahrnehmbaren Form dar (orthoskopisches Prinzip) So kommt es relativ oft zur Vermischung unterschiedlicher Ansichten. So sind Resonanzboden und Tastatur in der Aufsicht, während alle anderen Details und die Pianistin in der Seitenansicht wiedergegeben sind.
Die Übergangsphase von der En Face- zur Profildarstellung wird als gemischtes Profil bezeichnet. Es ist dadurch gekennzeichnet, dass einzelne physiognomische Elemente noch im En Face dargestellt werden, während andere sich bereits am Profil orientieren. Teils werden einzelne Details verdoppelt wie z. B. eine Nase in En Face und gleichzeitig als Profil. teils weggelassen wie bei dem vorliegende Bildbeispiel die Nase der Pianistin.

Eberhard Brügel, 2013