Vorform Kopffüßler

Mädchen, 3; 5 Jahre: Vorform des Kopffüßlers

Frühe Form, die bereits inhaltliche Vorstellung hervorruft

Nach der Kritzelphase verfügen die Kinder über ein Repertoire einfacher Formen. Als erste treten dabei in der Regel Kreis, Oval und gerade Linie auf. Später kommen – bei den einzelnen Kindern in unterschiedlicher Reihenfolge – Spirale, Viereck und Dreieck hinzu. Damit ist die Phase des Zeichnens erreicht. Die frisch erworbenen Formen werden jedoch nicht in ihrer formalen, geometrischen Eigenschaft erkannt, sondern in ihrer Funktion. So erleben die Kinder den Kreis in erster Linie als Raum, der nahezu ausnahmslos das Bedürfnis zum Füllen auslöst (Füllungstendenz).

Zwei andere Tendenzen, Zentrierung und Erweiterung in die Fläche, die bereits in der Kritzelphase zur Geltung kommen, machen sich auch weiterhin in der Zeichnung bemerkbar. So markiert das Kritzelzeichen die Kreismitte, während die radial am Kontur angebrachten Striche ebenfalls auf das Zentrum bezogen sind.
Ensteht die Kreisform aus dem Kreiskritzel, indem die Fülle übereinander gelagerter Kreise auf eine Kreislinie reduziert wird, lässt sich die rechte Zeichnung ebenfalls auf das Kreiskritzel zurückführen. Anders als bei diesem führt jedoch die rotierende Zeichenbewegung vom Zentrum weg in die Fläche, so dass ein Schlaufenband, bzw. ein Schlaufenfries entsteht. Nicht ungewöhnlich ist dabei, dass der flüssige Linienverlauf, der in dem Bildbeispiel von oben nach unten verläuft, von einer Zäsur unterbrochen wird wie bei der unteren der drei Schlaufen. Hier setzte die kleine Zeichnerin am unteren Kontur der mittleren Schlaufe zu einer Gegenrichtung an, wobei die Schlaufenform beibehalten wird.

Bei der Zeichnung links handelt es sich um die Vorform eines Kopffüßlers. Beine, Arme und drei Haare sind eindeutig zu erkennen. Für die Physiognomie fehlt dem Mädchen noch das entsprechende Zeichen. Das Kritzelzeichen erfüllt in diesem Fall die Darstellungsfunktion.

Anmerkung
zum Begriff Kopffüßler: „Zu welchem Zeitpunkt und von welchem Autor der Begriff „Kopffüßler“ eingeführt wurde, ist nicht bekannt… Der Begriff „Kopffüßler“ oder „Kopffüßer“ – in anderen Sprachen „tadpole“, „homme tétard“ oder einfach „tétard“, „cephalopod“ – scheint keine Wortschöpfung der Kinderzeichnungsforschung zu sein, sondern zoologischer und paläontologischer Nomenklatur zu entstammen, wo er von weiteren Metazoen, wie z. B. Gliederfüßern, Kahnfüßern, Armfüßern usw. unterschieden wird.“ Heidi Schoenmackers. Die Menschenzeichnung dreijähriger Kinder. Peter Lang, Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt a.M., Berlin1996, S. 46 ff.

Eberhard Brügel, 2013