kopffuessler schema 01

Mädchen 5;9 Jahre, Kopffüßler, Bleistiftzeichnung auf der Rückseite eines Briefkuverts

Problem einer Auftragsarbeit

Wie kann es sein, dass ein fast sechsjähriges Mädchen einen Kopffüßler zeich-net? Damit wird die Altersspanne von 2 ½ bis gelegentlich 4 Jahren, in der Kopffüßler in der Regel gezeichnet werden, bei weitem überschritten. Beim zweiten Blick erkennt man jedoch unschwer in den formalen Eigenschaften des Gesichts, dass die Entwicklung zur Profilwende bereits eingetreten ist: das Gesicht ist aus der Mittelachse nach links verschoben; das dichte Haar fällt auf der rechten Seite herab. Zudem entspricht der leicht geöffnete Mund mit der sichtbaren Reihe der Zähne der Altersstufe einer nahezu Sechsjährigen.
Nicht allein Kopf und Gesicht weisen Phänomene der Profilwende auf, auch der Arm – im Gegensatz zu den zwei Armen beim klassischen Kopffüßler - setzt nicht mehr am Kopf an.
Die Kenntnis der situativen Voraussetzung ist für das Verständnis der Zeichnung erforderlich: Ein Brief trifft ein. Die Mutter schlägt der Tochter vor, eine Figur auf die Rückseite des auf der Vorderseite beschrifteten Kuverts zu zeichnen. Die Tochter befolgt die Bitte der Mutter, empfindet aber überhaupt keine Lust dazu. Immerhin handelt es sich bei diesem „Auftrag“ um eine extrinsische Motivation. Sie zeichnet also lustlos in einer für sie ungewohnten Schnelligkeit den Kopf, für den sie in dieser Entwicklungsphase ein festes Zeichen besitzt. Danach fügt sie die Beine in der Form der Kopffüßlerphase an. Das verwundert keineswegs, denn der Kopffüßler ist als ein automatisch verfügbares Zeichen erworben, das zu jeder beliebigen Zeit aktualisiert werden kann.
Vor allem greifen Kinder auf solche alten, einmal erworbenen automatischen Zeichen zurück, wenn sie von anderen zu einer Zeichnung aufgefordert werden.

Eberhard Brügel, Mai 2019