orthoskopische Darstellung Onkel

Lukas, 7 Jahre: "Mein Onkel mäht die Wiese"


Orthoskopische Darstellung: Der Onkel mäht die Wiese  

Lukas wohnt in der Wohnsiedlung einer kleinen Gemeinde, die den Charakter eines bäuerlichen Dorfes vermissen lässt. Sein Onkel, den er als Lieblingsonkel bezeichnet, bewirtschaftet in einem benachbarten Dorf einen Bauernhof. Dort ist Lukas oft zu Besuch, wo ihm die verschiedenen bäuerlichen Tätigkeiten inzwischen bestens vertraut sind.
In der Zeichnung kommt das Interesse für die einzelnen Funktionen des Traktors anschaulich zur Geltung: das mit beiden Händen gehaltene Lenkrad, die drei Pedale, zu denen die Füße hinabreichen, und das Armaturenbrett, auch wenn hier keine näheren Details wiedergegeben sind. Das für das Mähen erforderliche breite Mähmesser ist vorne am Traktor anmontiert. Ein Gestänge mit Gelenkscharnieren ermöglicht dessen Heben und Senken. Der an einem Seil aufgehängte schwere Klotz stabilisiert eine gleichmäßige Fahrt des Traktors, damit selbst stärkere Unebenheiten der Wiese oder andere Hindernisse den reibungslosen Verlauf des Mähens nicht beeinträchtigen oder gar insgesamt in Frage stellen sollen. Nahezu parallel zum Haltestab des Klotzes verläuft eine Linie, die in einer Spirale endet. Mit ihr versieht Lukas den Traktor noch mit einer Anhängerkupplung.
Lukas wählt als Bildform das Streifenbild. (>Raumdarstellung/Streifenbild) Anders als es bei Kindern sonst üblich ist, beginnt er erst damit, als der Traktor fertig gezeichnet ist. Er stellt sozusagen diesen nachträglich auf die Erde, bzw. Wiese. Zuerst streicht er mit flach gelegter Bleistiftmine den Boden zu, auf den er daraufhin in einer relativ gleichmäßiger Anordnung Grashalme setzt. Lediglich auf der Strecke zwischen Vorderrad und rechtem Bildrand ist die Wiese bereits gemäht. Ob Lukas' Onkel mit diesem Ergebnis seines Mähens zufrieden sein dürfte, dürfte aber fraglich sein.
Das Bild begrenzt am linken Bildrand ein Laubbaum, über den Lukas die Sonne zeichnet. Für die zwei Wolken, die sich direkt über dem Traktor befinden, verwendet Lukas nicht die bei Kinder beliebte Stereotype der "Schäfchenwolke", sondern stellt diese in einer für sein Alter differenzierteren Form dar.
Erst jetzt zeichnet Lukas eine Blinklampe auf das Dach des Traktors, die – darauf legt Lukas besonderen Wert – orange leuchtet.
Mit der Blinklampe erfährt die Zeichnung eine wesentliche inhaltliche Modifikation. Lukas radiert die Sonne aus und zeichnet auf der entgegen gesetzten Seite einen Halbmond. Aus einem Tagbild wird ein Nachtbild. Es verwundert also kaum, wenn Lukas den Traktor mit Scheinwerfern ausstattet: drei lange Linien, die vom Dach des Traktors in leicht aufgefächerter Anordnung nach rechts verlaufen und drei kleine Striche, die Lukas in analoger Weise auf die Kühlerhaube zeichnet.
Nach dem Prinzip der Signifikanz stellt Lukas die einzelnen Elemente seiner Zeichnung in ihrer eindeutigen Ansicht dar: in der Seitenansicht u. A. den Traktor, darin die Armatur, den Sitz, den Onkel, den Baum , die Wiese, in der Aufsicht das Lenkrad, die Pedale, das Schneidemesser. (orthoskopische Darstellung)
Über die Profildarstellung des Gesichts verfügt Lukas noch nicht, während der gesamte Körper in seiner sitzenden Haltung von der Seite dargestellt ist. Die Verbindung der Beine mit den Pedalen ist für Lukas wichtig. So zeichnet er diese in einer extremen Länge.

Eberhard Brügel, 2015