Emotionaler Anlass OP

Mädchen, 4;3 Jahre: vor der Operation der Rachenmandeln. Die Zeichnung entstand drei Tage nach der Operation.


Warten vor der Operation

Mit seiner Zeichnung beschreibt das Mädchen die Situation unmittelbar vor der Operation. Es liegt auf einem Krankenbett im Vorbereitungsraum. Die Krankenschwester gibt dem Mädchen aus einem kleinen Becher, den sie als „Schlaftrunk" bezeichnet, zu trinken. Später nimmt das Mädchen an, die Flüssigkeit aus dem Becher habe die Narkose herbeigeführt.
Das Mädchen liegt auf einem Bett, das mit Strichern, welche die Beine des Bettes sein könnten, umrahmt ist. Da das lange Warten im Vorbereitungsraum von dem Mädchen als sehr unangenehm empfunden wurde, könnte die Menge der Striche eher als Zeichen des Wartens gedeutet werden. Es ist jedoch nur eine Vermutung, die jedoch durch den Kontrast zur Operations-Trage mit ihren vier Rädern nahe liegt. Diese sind mittels einer Zickzacklinie und in einer dynamischen Strichführung in der Funktion eines Aktionszeichens so aneinander gekoppelt, dass der Eindruck von Bewegung entsteht.
Das Bett ist in der Aufsicht dargestellt. Die Figur des Mädchens ist in der Endphase des Übergangs vom Kopffüßler zur so genannten gegliederten Vollform wiedergegeben. (> Menschendarstellung/gegliederte Figur) Ungewöhnlich ist dabei nicht nur für die kleine Zeichnerin, sondern generell für die Kinderzeichung in dieser Phase, dass sich der Kopf in den Bereich des Körpers hinein erstreckt.
Die nahezu parallelen Schwungkritzel im Körper der Zeichnerin und auf der fahrbaren Trage sind aufeinander bezogen. Das Mädchen erklärt dazu, dass zwei Schwestern es von dem Bett auf die Trage hinübergelupft haben. Dabei bezeichnet die Kritzelzeichen links wie das Mädchen von dem Bett hoch gehoben wird, das Kritzelzeichen rechts, wie es auf der Trage hingelegt wird. (>Kritzelzeichen-Funktionen/Aktionskritzel) Das allein genügt dem Mädchen noch nicht für die genaue Veranschaulichung des Vorgangs. Die Beine vollziehen diesen Wechsel noch zusätzlich mit. Sie werden unten seitlich am Körper neben den bereits vorhandenen in der Richtung auf die Trage eingefügt. Ein kurzes Schwungkrtzel, das sich auf der Trage befindet, erklärt die Prozedur noch extra.
Die Formen in der runden Form der Trage, die über den Kontur rechts hinausreichen, hat das Mädchen nicht genau kommentiert. Lediglich das kleine Viereck in der mittleren der drei Formen bezeichnet es als Schlaftrunk. Die Eltern meinen, die Erklärung des Mädchens so verstanden zu haben, dass mit dem Schlaftrunk die Narkose gemeint ist. Deshalb zeichnet sich das Mädchen nicht auf die Trage. Es ist ja im übertragenen Sinn gar nicht da.

Eberhard Brügel, 2015