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Adina, ca. 10 Jahre: Baum und blühendes Mohnfeld


Richtungsdifferenzierung: Der Besenbaum

Kinder entwickeln für die Darstellung von Bäumen unterschiedliche Formen. Das gilt nicht nur bei der Unterscheidung von Nadel- und Laubbäumen, sondern auch innerhalb der beiden genannten Gattungen. Bei der Zeichnung von Adina handelt es sich um den sogenannten Besenbaum. Dieser ist dadurch gekennzeichnet, dass sich von seinem Stamm aus, der direkt unterhalb der Baumkrone mehr oder weniger abrupt endet, die Äste fächerartig ausbreiten. Sehr viele Kinder verfügen über diese Baumform schon recht früh, einzelne bereits mit fünf Jahren.

 

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Layla, ca. 6 Jahre                                                                                                                                              Paula, ca. 6 Jahre

 

In der Grundstruktur verändert sich dieses Zeichen für Baum während der Kindheit nicht mehr, wohl aber in der Darstellung einzelner Details. So setzen bei Laylas Zeichnung alle Blätter direkt am Ast an - übrigens bei verschwindend wenigen Ausnahmen - im rechten Winkel, der als erste Richtung von nahezu allen Kindern in diesem Alter verwendet wird. In der Fachliteratur finden sich hierfür die Begriffe der Richtungsunterscheidung bzw. des R-Prinzips (> Richtungen) als die entschiedene Art einer Richtungsangabe wie z. B. bei einem Baum die Äste, bei einem Mensch die Arme oder bei einem Hausdach der Kamin.
Die Zeichnung von Paula unterscheidet sich gegenüber der Auffassung von Layla grundsätzlich überhaupt nicht. Denn auch hier bestimmt der rechte Winkel als radikale Richtungsunterscheidung die Anordnung der Blätter und zusätzlich der Zweige. Es handelt sich also bei Paula um eine detailreichere Ausgestaltung, keinesfalls jedoch um einen weiteren Entwicklungsschritt gegenüber der Baumdarstellung von Layla.

 

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Almut, ca. 7 Jahre: Obsternte

 

Einen solchen Entwicklungsschritt entdecken wir in der Zeichnung von Almut. Hier gehen die Zweige nicht mehr im rechten Winkel, sondern in einer Schräge vom Ast weg. In der Fachliteratur steht dafür der Begriff der Richtungsdifferenzierung.
Diese Richtungsdifferenzierung wendet Adina konsequent und differenziert in ihrer Baumzeichnung an, indem sie die Blätter nicht nach demselben Schema den Zweigen anfügt. Teilweise befinden sich diese seitlich, teilweise vor den Zweigen, stehen vereinzelt bzw. paarweise oder reihen sich zu einem zusammenhängenden, rhythmisch gegliederten Band.
Wie bei den anderen hier gezeigten Beispielen bedient sich Adina der Auffächerung der Äste, die als durchlaufende Striche Form und Ausmaß der Krone festlegen. Doch büßen diese im Verlauf des Zeichenprozesses zunehmend an Klarheit und damit an Bedeutung ein. Das heißt: Adina geht zwar als vorläufige Anlage von der Grundform des Besenbaums aus, verschleiert aber mit den Blättern die klare lineare Ausgangsform. Oder anders formuliert: der Fächer-Charakter bleibt erhalten, wird jetzt aber von der Anordnung der Blätter bestimmt. Außerdem ergänzt sie die kaum noch sichtbaren Äste gelegentlich mit Zweiggabelungen, die mit einer kräftigeren Strichführung teilweise gegenüber den meisten Ästen dominieren. Damit bedient sich Adina eines anderen Typs von Baumform, bei der die Verzweigung die dominierende Rolle übernimmt.
Soweit befindet sich Adina noch völlig in der Phase kindlicher Gestaltung und Darstellung. Doch kaum auffällige Details lassen den allmählichen Übergang zum bildnerischen Handeln der Jugendlichen vermuten.

 

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Während bei den anderen hier gezeigten Bildbeispielen der Stamm unten wie oben gegenüber der Baumkrone eindeutig, in zwei Beispielen sogar durch einen Strich, abgegrenzt ist, so dass er eher an eine Säule denken lässt als an einen Stamm, zerfasert bei Adinas Zeichnung die Form des Stammes sowohl im Wurzelbereich als auch am oberen Stammende aus. Die zunächst nahe liegende Vermutung, der Grund könne möglicherweise in einer Nachlässigkeit liegen, dürfte kaum zutreffen, da ja Adina ihr Bild mit dem Baumstamm beginnt. Eine Ermüdung kann zu diesem Zeitpunkt mit Blick auf die anschließend sorgfältig gezeichneten Blätter und Mohnblüten ausgeschlossen werden. Dass Adina dem Stamm als weniger bedeutsam angesehen haben könnte, also nicht so exakt gezeichnet hat, wäre durchaus denkbar. Doch bei einer genaueren Beobachtung entdecken wir, dass die Striche, die Wurzeln darstellen, teilweise erstaunlich weit in den Bereich des Stammes hineinreichen. Dasselbe gilt für die Äste, eindeutig nachweisbar ist dies zumindest für einen Strich. Damit macht sich bereits das Prinzip des Richtungszusammenhangs bemerkbar, bei dem Wurzel und Äste in einem organischen Übergang dargestellt werden, was für die Zeichnung von Jugendlichen in der Regel zutrifft. D. h.: Adina befindet sich in jener Übergangsphase, wo die visuelle Wahrnehmung nicht mehr nur zu einer detailreicheren Ausstattung der kindlichen Zeichensprache führt, sondern deren Zeichenhaftigkeit (Schema) allmählich auflöst und grundsätzlich in Frage stellt.
Der mögliche Einwand, dass Almut die Wurzel ebenfalls in einem „natürlichen“ Übergang zum Stamm wiedergibt, trifft insofern nicht zu, als der untere Abschluss mit einem leicht gebogenen Strich den Stamm gegenüber der Standfläche abgegrenzt ist, eine Darstellung, die dem natürlichen Wurzelwerk widerspricht. Hier orientieren sich die Kinder an Kinderbuchillustrationen oder anderen stilisierten Baumdarstellungen. Ein Verständnis für einen natürlichen, organischen Zusammenhang liegt hier nicht vor.

 

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Ilona, 8;4 Jahre: Spielplatz

 

Kehren wir zur Zeichnung von Adina zurück. Ein weiteres Indiz für den Übergang zum Jugendalter findet sich, wenn auch nicht in derselben Ausprägung wie beim Baumstamm im Mohnblumenfeld, das sozusagen in der Luft zu schweben scheint. Hierbei kommt eine typisch kindliche Raumordnung zur Geltung, wie sie bei der Zeichnung von Ilona beispielhaft dargelegt werden kann. Zwei Raumformen, das Streifenbild und das Standflächenbild sind hier miteinander kombiniert (> Raumdarstellung). Das Streifenbild ist gekennzeichnet von einem Unten und einem Oben. Unten befindet sich ein Streifen, wobei Grün Wiese und Braun Erde bedeuten. Am oberen Bildrand befindet sich der Himmel mit der Sonne. Auf dem unteren Streifen stehen Figuren, Häuser, Pflanzen usw. Im Fall von Ilonas Bild sind dies eine Blume, die Rutsche, Ilona selbst, das Kletternetz und die Schaukel. Der Sandkasten ist jedoch in Aufsicht wiedergegeben. Dies entspricht dem Standflächenbild, bei dem das Format des gesamten Zeichenblatts als Boden fungiert. Diese Kombination der beiden genannten unterschiedlichen Raumdarstellungen finden wir in den Kinderzeichnungen ausgesprochen häufig, da die Dinge immer in ihrer signifikanten Ansicht gezeigt werden. Das heißt jedoch nicht, dass sich die Kinder immer für ein Streifenbild entscheiden, wenn Personen und Bäume ausschließlich in der Seitenansicht wiedergegeben sind. Layla wählt in diesem Fall diese Raumdarstellung, Almut dagegen verteilt Personen und Bäume über das gesamte Blattformat. (Standflächenbild)
Als ein weiteres Indiz für den Übergang zum Jugendalter in Adinas Zeichnung kann die unregelmäßige Form des Feldes angesehen werden. Die Frage, ob hier bereits ein räumliches Verständnis für eine Überschneidung des Mohnfeldes durch den Baum vorliegt, ist nicht eindeutig zu beantworten. Das Gegenteil dürfte eher der Fall sein. Ungewöhnlich für eine Kinderzeichnung ist jedoch das Vermeiden einer klaren Umrissform, denn Kinder pflegen bei Gärten und Feldern zunächst einmal deren Formen mit einem Rechteck zu kennzeichnen, um anschließend den Binnenraum mit Blumen, Gemüse usw. zu füllen. Bei Adina ergibt sich die äußere Form sozusagen automatisch aufgrund der zunehmenden Zahl an Mohnblüten. Ob sie diese bis zum oberen Rand zeichnen wollte, bleibt ihr Geheimnis, denn sie musste wegen äußerer Umstände vorzeitig mit dem Zeichnen aufhören.

Eberhard Brügel, 2013