Porträt 1

Mädchen, 4; 2 Jahre: Selbstporträt der kleinen Zeichnerin, Bleistift


Selbstporträt in der winterlichen Kälte

Unmittelbar, nachdem das Mädchen aus der winterlichen Kälte in die warme Wohnung zurückkehrt, entsteht diese nur 6, 8 cm hohe Zeichnung.
Unter den ovalen Kopf zeichnet das Mädchen eine Kastenform für den Körper, an den sie mit bogenförmigen Strichen und Kreisen die Beine mit den Füßen bzw. Schuhen setzt. In der Entwicklung stellt diese Form der Menschendarstellung eine Übergangsform zwischen Kopffüßler und der gegliederten Vollform dar.
„Das ist die Mütze". Das Mädchen zeigt auf die große Form auf dem Kopf, von der auf beiden Seiten gebogene Striche Bänder herabführen. Es handelt sich dabei um die Bänder, mit denen die Mütze unter dem Kinn festgebunden wird.
Vom Mund weg verläuft ein Schlaufenband nach rechts. „Es raucht", kommentiert das Mädchen und meint damit den Atem, der bei eisiger Kälte kondensiert. Die Schwingkritzel, die großförmigen Bögen und Kreisformen über dem Körper und den Beinen bezeichnet das Mädchen als Mantel.
Unter dem Gesichtspunkt der Strichstärke dominieren Kopf und Körper, was als ein Indiz dafür anzusehen ist, dass das Augenmerk vor allem diesem Bereich gilt. Der Kopf ist mit der Mütze, der Körper mit einem Mantel vor der Kälte geschützt. Das Kritzelzeichen, das über den Körper hinaus reicht, zeigt an, dass der lange Mantel auch die Beine bedeckt. Auch wenn sich das Mädchen nicht zum Kritzelzeichen über dem Kinn äußert, dürfte die Vermutung nahe liegen, dass hiermit ein Schal gemeint ist.
Es fehlen die Arme. Auch die Beine sind eher nachlässig gezeichnet. Als sich das Mädchen draußen aufhielt, lag kein Schnee. Es gab also keinen Anlass, etwas zu tun. Es stand also einfach draußen und fühlte sich der Kälte ausgesetzt.
Dass statt der Form eines Mantels Kritzelzeichen verwendet werden, weist auf die Funktion des Mantels hin, in diesem Fall das Bedecken. (>Aktionskritzel)

 

Porträt 2

Wollte man einen Titel für die Zeichnung finden, könnte dieser lauten: ‚Es ist schrecklich kalt draußen'.

Eberhard Brügel, 2014