Emotionaler Anlass Wutausbruch

Mädchen, 8; 8 Jahre: „Versprochen ist versprochen.“

 

Wutausbruch wegen eines gebrochenen Versprechens

Die Eltern hatten dem Mädchen versprochen, mit ihm einkaufen zu gehen, legten sich aber zuvor zum Mittagsschlaf hin. Die Annahme, die Eltern hätten ihr Versprechen vergessen, löst bei dem Mädchen eine tiefe Enttäuschung aus, die in Wut umschlägt. Doch das Mädchen belässt es nicht damit, sondern es artikuliert seine Emotion in einer Zeichnung, genauer: in einem gezeichneten Brief an die Eltern, den das Mädchen vor die Tür des Elternschlafzimmers legt.
Die linke etwas schmalere Blatthälfte zeigt die Eltern beim Mittagsschlaf unter einer mit zwei Wolken, zwei Sternen und blauen Linien gemusterten Decke. Oben schauen die Köpfe hervor, deren Augen mit Wimpern zugedeckt, also geschlossen sind. Unten ragen die Füße in einer völlig symmetrischen Anordnung unter der Decke hervor. Die Gedankenblase am Kopf der Mutter veranschaulicht mit der roten X-Form, dass das Versprechen völlig vergessen wurde.
In der rechten Blatthälfte entlädt sich die Wut des Mädchens in einer dramatischen Inszenierung. Die Strichführung ist heftiger als auf der linken Seite. Zickzacklinien für Mund und Beine veranschaulichen die emotionale Erregung ebenso wie die übermäßig großen, jeder anatomischen Form widersprechenden Arme. Eine kleine Regenwolke in der rechten unteren Ecke und die roten Blitze symbolisieren eine Gewitterstimmung und unterstreichen damit die Gefühlslage des Mädchens.
Der Einfluss von Comics ist in der Zeichnung unschwer zu erkennen: Gedankenblase, Zickzacklinien und Blitze als Zeichen für Wut, Kombination von Text und Bild. Kinder unterscheiden übrigens nicht zwischen selbst entwickelten und übernommenen Zeichen. Die Frage nach Originalität, wie sie von Erwachsenen gestellt wird, ist Kindern völlig fremd.
Schlussbemerkung: die Eltern sind nach ihrem Mittagsschlaf mit dem Mädchen zum Einkaufen gegangen. Sie hatten ihr Versprechen nicht vergessen. Wichtig erscheint trotzdem, dass das Mädchen seine Gefühle artikuliert hat, auch wenn der Ärger in diesem Fall unberechtigt war.

Eberhard Brügel, 2013