Emotionaler Anlass Zahnarzt

Christopher, ca. 8 Jahre: Ein Zahn wird gezogen.

Beim Zahnarzt: Der kleine Zeichner begleitet seinen Vater zum Zahnarzt

Wer kennt das nicht?! Die unerträglichsten Zahnschmerzen stellen sich oft am Wochenende ein. Als alle Hausmittel keine spürbare Linderung bringen, ist der Gang zum Zahnarzt des Notdienstes für den Betroffenen unvermeidbar. Auf dem Weg dorthin begleitet ihn sein Sohn Christopher. Vier Tage später entsteht die oben abgebildete Zeichnung.
Diese entspricht jedoch nicht dem tatsächlichen Geschehen. Denn der Vater wird nicht von einer Ärztin, sondern von einem Arzt behandelt. Weiterhin muss der Zahn nicht gezogen werden. Lediglich eine nicht einmal aufwändige Zahnbehandlung ist erforderlich.
Was ist der Anlass für diese Umdeutung? Zwei Gründe sind dafür verantwortlich. Christopher beneidet seine beiden älteren Schwestern wegen ihrer langen Haare. Frauen mit langen Haaren sind deshalb sein beliebtes Zeichenmotiv in dieser Zeit. Also verwundert es kaum, dass auf seiner Zeichnung der Zahnarzt durch eine Kollegin vertreten wird.
Dass der Besuch in der Zahnarztpraxis dramatischer ausfällt, als es in Wirklichkeit der Fall war, ist auf das Erlebnis des schmerzgeplagten Vaters zuhause zurückzuführen. Denn wer so leidet, der muss auf eine fürchterliche Behandlung gefasst sein. Dementsprechend schleudert die Ärztin im großen Schwung den gezogenen Zahn durch den Raum, während sie die Zange geradezu triumphal in die Höhe reckt. „Plub“, lautmalerisch dem Ziehen des Zahnes nachempfunden, schreibt Christopher neben den weit geöffneten Mund des Patienten.
Höchstwahrscheinlich dürfte sich Christopher auf dem Weg zur Arztpraxis solche Schreckensvisionen lebhaft vorgestellt haben, die nun ihren Niederschlag in seiner Zeichnung finden. Dieser liegt demnach ein emotionaler Anlass zugrunde. (> Motivation) Übrigens versetzt sich Christopher in seiner Vorstellung derart intensiv in die Situation des Vaters, so dass er sich in der Zeichnung mit ihm identifiziert. Denn nicht der Vater ist auf dem Behandlungsstuhl dargestellt, sondern der kleine Zeichner selbst, übrigens mit langen Haaren.
Dass die Zeichnung erst vier Tage später entsteht, ist ein zusätzliches Indiz für den emotionalen Anlass. Denn ein Erlebnis, egal, ob von erfreulicher oder auch beängstigender Art, kann zeitlich nicht unmittelbar darauf zeichnerisch umgesetzt werden. Bei emotionalen Anlässen verstreicht in der Regel mehr oder weniger Zeit, bis jene Distanz erreicht ist, welche die Gestaltung des betreffenden Erlebnisses erst möglich macht.
Da Christopher dem Zahnarzt im Behandlungsraum zuschauen darf, ist er in der Lage, sich die Ausstattung genau einzuprägen und Geräte und Instrumente in seiner Zeichnung detailliert und exakt wiederzugeben: Behandlungsstuhl, der mit Pedalen in die erforderliche Lage und Höhe gesteuert werden kann, Zahnarztinstrumente neben dem Wasserbecken und – übrigens dreifach – über dem Behandlungsstuhl, Lampe, deren Strahlen auf den Kopf des Patienten gerichtet sind, und ein Regal am linken Blattrand.
Es können unterschiedliche Motivationen in ein und derselben Zeichnung zur Geltung kommen wie hier gleichermaßen auf der emotionalen Ebene und in einer sachlichen Orientierung. Dass besonders in dieser Zeichnung die Sachdarstellung ebenfalls zur Ausdruckssteigerung nicht unwesentlich beiträgt, wird in dem Vergleich von Zahnärztin und Patient erfahrbar: die Zahnärztin, aktiv im freien Raum handelnd, der Patient, passiv von Apparatur und Gerätschaften geradezu eingezwängt und umschlossen.

Eberhard Brügel, 2013