REZENSIONEN

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Alexander Glas / Ulrich Heinen / Jochen Krautz / Gabriele Lieber / Monika Miller / Hubert Sowa / Bettina Uhlig (Hrsg.)
IMAGO│Zeitschrift für Kunstpädagogik
kopaed Verlag 2018
100 Seiten
ISSN 2365-3027

 

Mit dem siebten Band der kunstpädagogischen Zeitschrift IMAGO widmen sich die Autorinnen und Autoren aktuellen Erkenntnissen der Kinderzeichnungsforschung. Die Zeichnung entwickelt sich demnach keineswegs nach einem inneren Bauplan bei jedem Kind von selbst, sondern bedarf einer fachkundigen Unterstützung. Damit lenkt die Zeitschrift den Fokus auf Probleme und Schwierigkeiten in der Kinderzeichnung, was erfreulicherweise zu neuen Aspekten führt.

Matteo Hofer konstatiert, dass der idealtypische Verlauf in der Entwicklung der Kinderzeichnung nur für die frühen Phasen gilt. Anhand historischer Hinweise zeigt er auf, dass sich die Kinderzeichnung erst im 15. bis 16. Jahrhundert herausbilden konnte, da ab diesem Zeitraum die materiellen Bedingungen für die Handzeichnung überhaupt erst zur Verfügung standen. "[...] möglicherweise ist das Zeichnen viel stärker von kulturellen, gesellschaftspolitischen, materiellen, sozialen oder sogar ideologischen Bedingungen abhängig, als wir dies gemeinhin annehmen.“ (S. 36).

So hinterfragt Herausgeberin Bettina Uhlig zusammen mit Lis Kunst in einem ihrer Beiträge, die „typische“ Kinderzeichnung und zeigt Varianzen hinsichtlich der Modi kindlichen Zeichnens auf. Uhlig geht weiterhin der Frage nach, wie sich Kinder an schwierige Zeichenaufgaben heranführen lassen. Eine entsprechende Unterstützung findet sie in der „Zeichenbegleitung“ durch einen Erwachsenen als auch in der „Peer-Interaktion“ – einem noch kaum untersuchten Feld in der Kinderzeichnungsforschung. Auch in ihrem dritten Beitrag („Von Kindern, die nicht gern zeichnen“) gelangt sie zusammen mit Lis Kunst zur Erkenntnis, dass das „begleitete Zeichnen“ durch eine fachkundige Person positive Auswirkungen auf das zeichnende Kind hat. Allein die Anwesenheit wirkt sich förderlich aus. Als weitere Einflussfaktoren benennen die beiden Autorinnen die freie Motivwahl, das Prinzip der Wiederholung, die Peer-Kommunikation und eine Anknüpfung an alternative bildsprachliche Handlungsformen, wie das Legobauen oder das „wilde Basteln“.

Anja Morawietz bezeichnet in ihrem Artikel auftretende Schwierigkeiten beim gegenstandsorientierten Zeichnen als „Normalität“. In ihrer Untersuchung listet sie sechs mögliche auftretende Schwierigkeiten auf, wie z. B.: „Das Kind wird von Peers zur eigenen Darstelllung kritisiert.“ Oder: „Das Kind findet nicht in die zeichnerische Aufgabe hinein.“ (S. 50). Einen angemessenen Umgang mit den auftretenden Schwierigkeiten verortet Morawietz vor allem bei einer kompetenten Betreuungsperson/Lehrkraft. Diese kann situationsbezogen mit den Kindern interagieren: begleiten, ermutigen, führen oder offen sein.
Barbara Lutz-Sterzenbach untersucht in ihrem Beitrag zwei unterschiedliche „Zeichenszenen“: a) Intim als Selbstbeschäftigung mit einem Stift auf dem Papier und b) als großformatige, kooperative Aktion an einem Wandbild. „Die klassische Zeichensituation des horizontal „selbstvergessenen“ Zeichnenden zeichnet sich im Unterschied zu dem dynamischen kooperativen Zeichenszenario mit einer Vertikalen als Zeichenuntergrund als besonders geeignet für forschendes Zeichnen aus, in dem ein Erkenntnisobjekt untersucht wird. Zeichenszene II öffnet dagegen den Raum für gemeinsames Gestalten und Nachdenken über Zeichnen [...]“ (S. 63).

Die siebte Ausgabe der kunstpädagogischen Zeitschrift IMAGO wendet sich zwar an pädagogische Fachkräfte in Kindergarten und Grundschule, vermag es aber auch für die Kinderzeichnungsforschung neue Impulse zu setzen.

Raphael Spielmann

 

 

Zeichnen als Erkenntniscover lutz sterzenbach

Barbara Lutz-Sterzenbach
Epistemische Zeichenszenen: Zeichenszenen als Erkenntnis in der Kunstpädagogik und interdisziplinären Bezugsfeldern
kopaed Verlag 2015
457 Seiten
ISBN 978-3-86736-435-5

 

Wie hängen Zeichnen und Erkenntnisbildung miteinander zusammen? Welche Rolle spielen die zeichnende Hand und die Imagination für den Erkenntnisprozess des Zeichnens?

Diesen Fragen geht Barbara Lutz-Sterzenbach in ihrer Dissertationsschrift nach und stellt die Beziehung von Zeichnung und Erkenntnis aus der Perspektive interdisziplinärer Bezugsfelder dar. Zeichnen beschreibt sie u. a. als einen Wahrnehmungs-, Handlungs- und Darstellungsprozess - als einen Kreislauf des Denkens und Handelns, der Erkenntisoptionen bietet. Gerade die Untersuchungen aus den Bezugsdisziplinen Bildwissenschaft, Kunsttheorie, Neurowissenschaft und Philosophie beleuchten das Zeichnen erfrischend aus verschiedenen Perspektiven.

Erkenntnispotenziale sind, so stellt Barbara Lutz-Sterzenbach fest, nicht allein durch den Verstand und die visuelle Wahrnehmung geprägt. Unterschätzt wurde bislang die Bedeutung des Körpers für den Zeichenprozess, insbesondere die der zeichnenden Hand. Zu wenig beachtet wurde bisher auch die Relevanz der Emotion im Zeichenprozess.

Ausgehend von den gewonnenen Ergebnissen schlägt Barbara Lutz-Sterzenbach eine Brücke zur Kunstdidaktik und zum Kunstunterricht. Sowohl im Schul- als auch im Hochschulkontext untersucht sie "Zeichenszenen" und liefert wertvolle Ergebnisse für eine neue Zeichendidaktik. Den Begriff der "Zeichenszene" übernimmt sie aus der Kunstwissenschaft und schlägt ihn für die Kunstpädagogik vor. Er umfasst im Sinne der Autorin die beiden unterschiedlichen Ebenen:

a) Zeichnen als Koordination von Hand, Stift und Papier und

b) Zeichnen als Verfahren mit einem strukturierten Ablauf sowie kontextspezifischen Ausprägungen

Aus dieser Perspektive ist es möglich zu fragen: "Welche Art von Wissenserwerb ist im Rahmen des gewählten Verfahrens möglich. Wie kann es sich formieren?" (S. 165). Mit einer solchen Beforschung des Zeichnens spielt die jeweilige Zeichendisziplin eine untergeordnete Rolle. – "Zeichenszenen" lassen sich sowohl in der naturwissenschaftlichen Zeichnung, der Kinderzeichnung und der Künstlerzeichnung beobachten und beforschen.

Erkentnisstiftend erweisen sich insbesondere mimetische Aneignungen beim Zeichnen: "Das zeichnende Sich-Annähern an Objekte evoziert Erkenntnisse über Formen, Oberflächen, Texturen, über ihre spezifische Beschaffenheit." (S. 327). Auch serielle Zeichenprozesse können als "Denkprozesse" bereits bei Vorschulkindern identifiziert werden. "Dabei wird das Zeichen für »Mensch« ausdifferenziert und formal weiter geklärt. Diese Klärung erfolgt mittels der Anordnung, Zuordnung und Gewichtung der Linien auf der Zeichenfläche [...] (S. 344 f.). Auch im Hochschulkontext zeigen serielle zeichnerische Annäherungen Erkenntnispotenziale.

So wird mit der Arbeit von Lutz-Sterzenbach auch für den Bereich der Kinderzeichnung ein neues Feld erschlossen. Während sich der Bereich der Kinderzeichnungsforschung in der Vergangenheit schwerpunktmäßig auf die Ontogenese, die Analyse und Klärung der Entwicklung der kindlichen Vorstellungs- und Darstellungsprozesse konzentrierte (vgl. S. 16), bietet sich mit dieser Arbeit ein neuer Zugang an: Erkenntnisstiftende Potenziale können auch in der Kinder- und Jugendzeichnung untersucht werden.

Raphael Spielmann, 2019